Andreas Schiltknecht-von Steiger

Texte zur Diskussion und Auseinandersetzung

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Die Tage zählen...
aus "In Zeiten der Ansteckung" von Paolo Giordano

Die Tage zählen
Soeben erhalte ich eine Mail. Ich sollte an
einem Kongress in Zagreb teilnehmen. Experten
aus verschiedenen Disziplinen und Ländern
wollten zusammenkommen und gemeinsam eine
neue Vorstellung davon entwickeln, was es bedeutet,
Europäer zu sein. Nun fordern die Veranstalter
mich auf, meine «Teilnahme zu überdenken». Die
zuständigen Behörden raten davon ab, Gäste aus
Risikoländern zu empfangen, wozu Italien gehört,
zusammen mit China, Singapur, Japan, Hongkong,
Südkorea und dem Iran. Ein seltsamer Club. Der G7
der Ansteckung.
Während die Epidemie voranschreitet, hunderttausend
Infizierte sind bald erreicht, verfolge ich
das Abbröckeln meines Terminkalenders. Der März
wird anders aussehen als geplant. April wird sich
weisen. Es ist ein seltsames Gefühl des Kontrollverlusts,
das ich nicht gewohnt bin, aber ich wehre
mich auch nicht dagegen. Keine einzige dieser Verpflichtungen
könnte nicht ohne weiteres später
nachgeholt oder einfach abgesagt werden. Wir sind
konfrontiert mit etwas, das größer ist als wir, das
unsere Aufmerksamkeit und unseren Respekt verdient.
Das alle Opfer und Verantwortung fordert,
deren wir fähig sind.
Viel in dieser Krise hat mit der Zeit zu tun. Mit
unserer Art, die Zeit zu organisieren, auszufüllen
und zu erleiden. Wir sind in der Gewalt einer mikroskopisch
kleinen Macht, die die Arroganz besitzt,
für uns zu entscheiden. Wir sehen uns eingeschlossen
und sind wütend, wie wenn man im
Verkehr feststeckt, aber ohne jemanden ringsherum.
In diesem unsichtbaren Würgegriff möchten
wir zur Normalität zurückkehren, fühlen wir, dass
wir das Recht dazu haben. Auf einmal scheint die
Normalität unser höchstes Gut, nie hatten wir ihr
diese Bedeutung beigemessen, und wenn wir es genau
bedenken, wissen wir nicht einmal genau, was
sie ist: Sie ist das, was wir wiederhaben wollen.
Die Normalität ist jedoch aufgehoben, und keiner
weiß, für wie lange. Jetzt ist die Zeit der Anomalität,
wir müssen lernen, damit zu leben, müssen Gründe
finden, sie anzunehmen, nicht nur aus Angst vor
dem Sterben. Vielleicht stimmt es ja, dass die Viren
keine Intelligenz haben, aber in einem sind sie besser
als wir: Sie können sehr schnell mutieren, sich
anpassen. Wir sollten von ihnen lernen.
Der Stillstand, in dem wir uns befinden, wird
unabsehbare Folgen haben - verlorene Arbeit, geschlossene
Geschäfte, Staus in allen Bereichen,
jeder hat schon genug mit den eigenen zu tun.
Unsere Zivilisation kann sich alles erlauben, nur
nicht, langsamer zu werden. Aber der Gedanke, was
nachher geschehen wird, ist zu komplex für mich,
ich kann ihn nicht fassen, ich gebe auf. Ich werde
die Neuigkeiten hinnehmen, wie sie kommen, eine
nach der anderen.
In Psalm 90 gibt es eine Anrufung, die mir in
diesen Stunden immer wieder in den Sinn kommt:

Unsere Tage zu zählen lehre uns.
Dann gewinnen wir ein weises Herz.

Vielleicht denke ich daran, weil wir in Zeiten der
Ansteckung nichts anderes tun als zählen. Wir zählen
die Infizierten und die Genesenen, wir zählen
die Toten, die Krankenhauseinweisungen und die
ausgefallenen Schulstunden, wir zählen die an
den Börsen verbrannten Milliarden, die verkauften
Schutzmasken, die Stunden bis zum Laborergebnis;
wir zählen die Kilometer bis nach Hause, die
Stornierungen in den Hotels, wir zählen unsere Beziehungen
und die Male, die wir verzichten. Wieder
und wieder zählen wir die Tage, vor allem jene, die
uns von dem Zeitpunkt trennen, da diese Notsituation
vorüber sein wird.
Ich habe jedoch den Eindruck, der Psalm wolle
uns eine andere Rechnung aufgeben: Unsere Tage
zählen lehren, um ihnen einen anderen Wert zu
geben. Allen Tagen, auch diesen, die uns bloß ein
beschwerliches Intervall scheinen.
Wir können uns sagen, Covid -19 sei ein isoliertes
Ereignis, ein Unglück oder eine Plage, wir können
schreien, es sei alles Schuld der anderen. Es steht
uns frei, das zu tun. Oder wir können uns bemühen,
der Epidemie einen Sinn zu geben. Wir können
diese Zeit besser verwenden, darüber nachdenken,
was zu denken die Normalität uns hindert: wie wir
bis zu diesem Punkt gekommen sind, wie wir neu
starten wollen.
Die Tage zählen. Ein weises Herz gewinnen. Nicht
zulassen, dass all dieses Leiden umsonst geschieht.



Unser Leben kann so nicht weitergehen...
Ein Interview mit dem Risikoforscher Gerd Gigerenzer aus "Zeit-online" von Ende März

und

Krise hoch drei...
Unsere Gesellschaft muss Multitasking erlernen müssen... . Ein Beitrag von Jana Hensel in "Zeit-online"
(Siehe Dokumente im Anhang)


Albert Schweitzer:

Mein Erkennen ist pessimistisch... . In der Beurteilung der Lage, in der sich die Menschheit zurzeit befindet, bin ich pessimistisch... . Mein Wollen und Hoffen sind optimistisch... . Ich bin zuversichtlich, dass der aus der Wahrheit kommende Geist stärker ist als die Macht der Verhältnisse. Meiner Ansicht nach gibt es kein anderes Schicksal der Menschheit als dasjenige, das sie sich durch ihre Gesinnung selber bereitet.


Kübra Gümüsay in "Sprache und Sein" Hanser Verlag, 3. Auflage 2020

Für ein wirklich gemeinsames Nachdenken über unsere gemeinsame Zukunft braucht es vor allem das: Wohlwollen zwischen den Menschen, die sich prinzipiell den gleichen Werten verschrieben haben. Kritisches Denken bedeutet nicht, sich über die Kritisierten zu erheben. Wer wohlwollend kritisiert, der öffnet seinem Gegenüber eine Tür, durch die er auf einen zugehen kann. Und Kritik kann auch Zustimmung enthalten - nur so entstehen neue gedankliche Wege, die allen offenstehen, auch wenn nicht alle derselben Meinung sind.
Wir sind Menschen. Wir werden Fehler machen. Wir werden verletzen und verletzt werden. Doch nur, wenn wir, wenn wir einander nicht für immer auf eine Position festlegen, werden wir gemeinsam weiterkommen. Ohne Fehler hätten wir niemals Gehen, Sprechen, Lesen oder schreiben gelernt. Nur durch diese menschlichen Fehler lernen wir die Welt und uns kennen.
Wenn wir gemeinsames Denken ermöglichen möchten, so müssen wir lernen, einander Entwicklung zuzugestehen. Die Freiheit, zu werden - gerade in der Netzöffentlichkeit. Denn jeder unserer Fehler, jede Dummheit, jeder schwache Moment, jede dunkle Facette im Prozess des Menschwerdens bleibt für immer im digitalen Archiv auffindbar. Und es ist so einfach, einen Menschen auf seinen menschlich schwächsten Moment zu reduzieren - nur weil er öffentlich stattfand oder öffentlich gemacht wurde. Es ist einfach, sich moralisch überlegen zu fühlen.
Doch auf diese Weise verkommt der politische Diskurs - online wie offline - zu einer Kultur der gegenseitigen Beobachtung, deren einziges Ziel die Suche nach Fehlern der anderen zu sein scheint. Kritik und Häme werden zur digitalen Währung: Wie geschickt können wir Menschen diffamieren? Wie gekonnt jemanden abschiessen? Wenn wir dagegen Orte des gemeinsamen Denkens schaffen wollen, dann brauchen wir Geduld und Wohlwollen gegenüber uns selbst und anderen, die am gleichen Strang ziehen wie wir. Sonst werden Orte des öffentlichen Denkens nicht möglich sein. ... . (Seiten 180 und 181)



"Warum wir jetzt über die Zeit danach sprechen sollten...", von Jan Kalbitzer (Spiegel online, 9. April 2020)
Aktueller Text
Warum wir jetzt über die Zeit danach sprechen sollten
Während die einen den Lockdown als Chance sehen, hängen die anderen schon durch. Der Psychiater Jan Kalbitzer erklärt, warum es wichtig ist, die Krise vom Ende her zu denken.
09.04.2020, 09:37 Uhr

Es ist erfreulich zu sehen, wie schnell in der Krise Hilfsangebote für Ältere und chronisch Kranke entstanden sind. Wie viele Menschen Optimismus verbreiten, welche Chancen darin liegen können, dass wir jetzt mehr auf uns selbst und unsere Kernfamilie zurückgeworfen sind. Es ist aber illusorisch zu glauben, dass uns diese Stimmung auf Dauer über die Krise trägt.
Was wir jetzt in Deutschland sehen, ist wahrscheinlich nur der Beginn der schwerwiegendsten Probleme, die die meisten Menschen der deutschen Nachkriegsgenerationen je erlebt haben. Das direkt durch Covid-19 verursachte Leid wird nur ein kleiner Teil davon sein. Die ökonomischen Folgen und die massiven Einschränkungen des Alltags, wie wir sie gerade erleben, werden die Struktur der Gesellschaft und das Leben jedes Einzelnen nachhaltig und schwerwiegend verändern. In welche Richtung die Entwicklung geht, hängt davon ab, ob wir die Kraft haben, durchzuhalten und die Chancen der Krise gestalterisch zu nutzen. Oder ob uns die Kraft ausgeht, wir resignieren und nur noch stumpfsinnig und genervt auf das Ende der Maßnahmen warten.
Um in so einer Krise durchzuhalten, braucht es klare Ziele für die Zeit danach.

Jan Kalbitzer, Jahrgang 1978, ist Facharzt für Psychiatrie und Psychotherapie. Er leitet die Stressambulanz der Oberberg Tagesklinik Berlin. Von ihm sind erschienen "Digitale Paranoia - Online bleiben, ohne den Verstand zu verlieren" (C. H. BECK 2016) und "Das Geschenk der Sterblichkeit" (Blessing 2018).

Die Achillesferse unserer Gesellschaft liegt in der Wohlstandsverwöhntheit, der blinden Bedürfnisbefriedigung, der kurzen Aufmerksamkeitsspanne für politische Themen, dem Wunsch nach immer neuer Erregung. Und einer häufig lausigen Frustrationstoleranz, der Unfähigkeit soziales Engagement auch dann noch fortzusetzen, wenn die große öffentliche Aufmerksamkeit abgeklungen ist.
Um die vor uns liegende Herausforderung meistern zu können, müssen wir uns zunächst einmal der harten Wahrheit stellen, dass wir wahrscheinlich nicht über die besten Voraussetzungen verfügen, um mit dieser Krise, deren Ende und Folgen nicht richtig abzusehen sind, gut umzugehen. Falscher Optimismus macht den Aufprall nur härter und die anschließende Frustphase schlimmer.
Natürlich können Sie jetzt auch den liegen gebliebenen Papierkram sortieren, für den Sie jetzt mehr Zeit haben. Doch es führt kein Weg umhin, sich jetzt einzugestehen, dass vor uns eine brutal harte Zeit liegt, die nicht nach Ostern, nicht im Sommer und wahrscheinlich auch nicht im Herbst vorbei sein wird. Nach diesem Eingeständnis wird es nötig sein, sich mit den Menschen, die einem wirklich wichtig sind, zusammenzusetzen und zu überlegen, was die Werte sind, an denen sich unser Leben orientiert.
Was sind jenseits der aktuellen Pandemie Ihre persönlichen und politischen Ziele? Welches Engagement wollen Sie jetzt beginnen und auch nach der Zeit des Lockdowns noch fortsetzen? Wer gehört zu dem Kreis derer, dem Sie vertrauen und mit denen Sie sich austauschen, wenn es Ihnen jetzt nicht gut geht? Wie wollen Sie diese Beziehungen auch langfristig gestalten, wenn Sie nicht mehr so notwendig darauf angewiesen sind?
Trainieren Sie in der Krise jeden Tag, ein "Social Prepper" zu werden
Wir werden nicht in ein paar Monaten blinzelnd in eine Welt taumeln, die die Türen und Fensterläden aufschlägt und wieder so ist wie vorher. Beginnen Sie lieber schon jetzt an Projekten mitzuarbeiten, die sich dann entfalten können.
Vielleicht sind Sie nach der Krise häufiger auf eine Tasse Tee in der Buchhandlung, die Sie zusammen mit Ihren Nachbarinnen und Nachbarn gerettet haben. Vielleicht haben Sie es zusammen mit den Lehrerinnen und Lehrern geschafft, eine Familie durch digitale Angebote zu unterstützen, die mit weniger Sicherheiten und mehr räumlicher Enge durch diese Krise kommen musste. Möglicherweise setzen Sie sich mit den Kolleginnen und Kollegen zusammen und strukturieren Ihre Arbeit so um, dass Sie auch in Zukunft mehr Zeit mit der Familie haben.
Die wichtigste Lektion der jetzigen Zeit des Verzichts wird aber darin liegen, ein Bewusstsein für die enormen Freiheiten zu entwickeln, die viele von uns bisher sehr selbstverständlich in Anspruch genommen haben. Und im Rahmen dieser Freiheit die Bedeutung des Handelns Einzelner für die Gemeinschaft zu begreifen. Jede einzelne Ansteckung, die wir verhindern, ist jetzt wichtig. Genauso ist es auch jede vermiedene Fahrt mit dem Auto, jede Verpackung - aber auch jeder unnötige Streit mit Menschen, auf die Sie in harten Zeiten angewiesen sind.
Es steht Ihnen frei, die Zeit des Lockdowns einfach nur durchstehen zu wollen. Serien zu schauen, mehr Zeit mit den Kindern zu verbringen, viel zu lesen.
Sie könnten sich aber auch das Ziel setzen, ein "Social Prepper" zu werden: Fähigkeiten zu üben, die Sie in der nahen Zukunft wahrscheinlich noch mehr brauchen werden. Machen Sie sich jetzt jeden Tag wieder bewusst, dass Menschenleben nicht durch schrille Meinungen gerettet werden, sondern durch ein fundiertes Wissen, das sich selbst immer wieder hinterfragt. Verinnerlichen Sie, wie ansteckend vernünftiges Handeln sein kann.
Und wenn Sie dann noch Kraft haben, dann atmen Sie jeden Abend vor dem Essen einmal tief durch, bedanken Sie sich für die guten Dinge, die Ihnen an diesem Tag passiert sind - und trainieren Sie damit die größte aller Tugenden: Demut.


Frühere Texte:
"Die Welt ist nicht sicher. Wir müssen lernen, das auszuhalten"

Wie umgehen mit der Angst, die zu Panik und Hamsterkäufen führen könnte?
Der Einzelne muss das Gefühl haben, etwas tun zu können, sagt der Psychotherapeut Jan Kalbitzer.

Dr. Jan Kalbitzer ist Facharzt für Psychiatrie und Psychotherapie. Er leitet die Stressambulanz der Oberberg Tagesklinik Kurfürstendamm in Berlin. Zusammen mit dem Hacker und Internetaktivisten Frank Rieger arbeitet er an der Entwicklung digitaler Plattformen für partizipative Stadtentwicklung. © Praxis Kalbitzer

Interview: Maria Mast
1. März 2020, 19:47 Uhr, "Zeit online"

Manche Probleme überfordern uns allein.
Dagegen hilft: Verbündete suchen.

"Die Welt ist nicht sicher. Wir müssen lernen, das auszuhalten"
Das Jahr 2020 hat schlecht angefangen: Im Januar vernichteten apokalyptische Brände in Australien riesige Flächen, der Klimawandel wurde real wie selten zuvor. Hunderttausende Menschen sind auf der Flucht durch Kriege und Konflikte. Im hessischen Hanau tötete Ende Februar ein rassistischer Angreifer zehn Menschen. Aktuell verbreitet sich ein neues Coronavirus weltweit. Viele Menschen sorgen sich, sind verunsichert und würden sich am liebsten zu Hause verkriechen. Der Psychotherapeut Jan Kalbitzer erklärt, warum es nun so wichtig ist, den Kontakt zu anderen zu suchen.

ZEIT ONLINE: Herr Kalbitzer, haben die Menschen gerade mehr Angst als sonst?
Jan Kalbitzer: In unserer Praxis und im Privaten beobachte ich das. Es scheint eine Grenze überschritten zu sein, weil einige der globalen Bedrohungen nun unser persönliches Lebensumfeld betreffen. Etwa das neue Coronavirus: Viele Menschen kennen jemanden, der im Italienurlaub war oder auf einer Geschäftsreise in China. Es ist klar, dass sich weitere Menschen infizieren werden. Einige der Menschen, die zu uns in die Ambulanz und Tagesklinik kommen, berichten, dass sie diese Ereignisse nicht mehr von sich fernhalten können. Durch die schiere Menge der Bedrohungen und durch die hohe Frequenz der schlechten Nachrichten können sie nicht mehr abschalten.

ZEIT ONLINE: Ist es sinnvoll, in solchen Situationen möglichst gut informiert sein zu wollen?
Kalbitzer: Ja, natürlich. Wenn aber die virtuelle Realität eine andere ist als das, was die Menschen auf der Straße sehen, wie das im Fall des Coronavirus ist, dann erneuert sich der Reflex der Selbstvergewisserung immer wieder. Einmal darin gefangen, kommt man da alleine oft nicht mehr so leicht raus.
ZEIT ONLINE: Die Medienberichterstattung spielt also eine entscheidende Rolle?
Kalbitzer: Ja, Zeitungen, Fernsehen und soziale Medien lenken unseren Blick auf die Welt mittlerweile sehr. Bilder und Sprache sind entscheidend. Sie müssen die reale Welt wiedergeben, tun das aber oft unzureichend. Bilder von asiatisch aussehenden Menschen mit Atemmasken und Schutzanzügen im Zusammenhang mit dem Ausbruch des Coronavirus in Deutschland etwa senden mehrere falsche Signale: Sie schüren Vorurteile und die Angst vor diesen Menschen. Manche Bilder vermitteln auch, dass man sich mit den Masken gut vor dem Virus schützen könnte, was bei den meisten Modellen nicht stimmt. Und auf den Straßen in Deutschland können wir die Dramatik dieser Bilder auch nicht bestätigen. Indem ein Mensch ständig mit reißerischen Überschriften, steigenden Fallzahlen und irreführenden Bildern überschüttet wird, verlernt er, mit den echten Menschen mitzufühlen, die auf diesen Bildern zu sehen sind – und auch denen, die uns umgeben. Genau dieses Mitgefühl braucht es in Zeiten wie diesen aber, damit nicht jeder nur an seine eigene Rettung denkt, sondern auch an das große Ganze.
ZEIT ONLINE: Ist Angst eine Generationenfrage oder fürchten sich junge und alte Menschen gleichermaßen vor dem, was aktuell passiert?
Kalbitzer: Die Angst zieht sich durch alle Altersgruppen. Diffuse, eher irrationale Sorgen sehe ich etwas häufiger bei älteren Menschen. Dass jemand etwa Übergriffe von Migranten fürchtet oder Gangkriminalität, obwohl derjenige in einer Gegend wohnt, in der das überhaupt nicht sehr wahrscheinlich ist. Auch da spielt Mediendarstellung eine sehr wichtige Rolle – mittlerweile aber auch immer mehr eine mögliche Verzerrung durch die sozialen Medien. Die Generation, die gerade Kinder bekommen hat, sorgt sich häufig um deren Zukunft. Und junge Menschen sorgen sich bei mir in der Praxis häufig in Bezug auf das, was auf sie zukommt. Sie schaffen es aber gerade oft auch am besten, ihre Angst in politische Aktivität umzuwandeln. Etwa, indem sie sich bei Fridays for Future für den Klimaschutz einsetzen. Dieses Gefühl, etwas tun zu können, hilft im Umgang mit der Angst. Als Therapeut ist mir aber auch sehr wichtig, dass gerade kleinere Kinder von ihren Eltern vor Ängsten geschützt werden müssen. Wenn Jugendliche sich engagieren, ist das toll. Aber Kinder im Grundschulalter etwa sollten nicht ständig mit den Bedrohungen der Welt konfrontiert werden.
ZEIT ONLINE: Gerade im Kampf gegen den Klimawandel fühlen sich viele überfordert, hilflos, von der Politik alleingelassen.
Kalbitzer: Damit aus Ängsten positive Aktivität werden kann, ist es wichtig, Handlungsspielräume zu haben. Das ist der beste Weg, mit der Angst umzugehen. Wenn die Politik sie auch für Individuen schafft, kann damit sogar die psychische Gesundheit der Bevölkerung geschützt und Engagement gefördert werden. So können etwa Baubestimmungen gelockert werden, sodass es für Hausbewohner einfacher wird, Solaranlagen zu installieren oder eine Hausfassade zu begrünen. Das mag in der konkreten Auswirkung nicht so groß sein. Aber um solche Herausforderungen aushalten zu können, muss der Einzelne realistisch etwas für die Verbesserung der eigenen Lebenswelt tun können.
Menschen müssen abschalten, aber nicht so, dass sie aus der Welt fallen.

ZEIT ONLINE: Bei manchen der Probleme scheint es illusorisch zu denken, dass die Handlung eines Einzelnen überhaupt etwas bewirken kann.
Kalbitzer: Ein globaler Prozess wie der Klimawandel oder der aktuelle Virusausbruch lässt sich nicht durch einen Einzelnen aufhalten. Wenn nur ich nicht mehr Auto fahre, hält das die Erderwärmung nicht auf. Und das sollte die Politik auch nicht vermitteln, denn sonst ist die Frustration in zehn Jahren groß. Da geht es dann eher darum, etwas gegen die Angst zu tun, indem man sich als Teil einer größeren Gruppe Handelnder wahrnimmt und seine Integrität wahrt.
ZEIT ONLINE: Im Englischen gibt es für das Gefühl der Menschen angesichts des fortschreitenden menschengemachten Klimawandels sogar ein neues Wort: "climate change grief", Klimawandel-Trauer. Um welche Gefühle geht es? Trauer, Angst und Hoffnungslosigkeit scheinen sich zu vermischen.
Kalbitzer: Dazu kommen auch noch Überforderung und ein diffuser Stress. Gerade am Anfang fühlen sich manche Menschen angesichts der vielen Ereignisse überwältigt, manchmal aber durchaus auch aktiviert, was sich gut anfühlen kann. Wenn die Unruhe aber zum Dauerzustand wird und es nicht klappt, sich auch mal zurückzuziehen, ist irgendwann keine Energie mehr da. Dann kann aus diesen Gefühlen auch eine Depression werden. Die Menschen sind dann geradezu gelähmt, wollen sich nur noch verkriechen und die Bettdecke über den Kopf ziehen. Man sollte versuchen, vorher zu handeln.
ZEIT ONLINE: Was kann man konkret tun?
Kalbitzer: Der Reflex ist grundsätzlich schon wichtig: sich zurückziehen. Menschen brauchen Nischen, in denen sie sich wohl fühlen. Einige bewerten sogenannte Filterblasen ja sehr negativ. Aber es ist wichtig, ein Gleichgewicht dazwischen zu finden, zwischen einem Rückzug in eine geschützte Nische und den Herausforderungen und Bedrohungen der Umwelt. Menschen müssen abschalten, aber nicht so, dass sie aus der Welt fallen. Denn wer sich immer weiter zurückzieht, weicht nicht nur negativen Dingen aus, sondern auch netten Menschen und schönen Momenten, die zufrieden machen. Auch diese sind in der Welt draußen. Wenn der Rahmen, in dem sich jemand bewegt, aufgrund von Ängsten und Rückzug immer kleiner wird und immer mehr gute, interessante Dinge wegfallen, nennen wir das in der Psychologie Verstärkerverlust.
Sie müssen klären, was Sie retten wollen
ZEIT ONLINE: Wie vermeidet man den?
Kalbitzer: Man spricht mit anderen darüber. Sagt Freunden, der Familie oder Arbeitskolleginnen, dass man Rückzug braucht, aber gerne aufgefangen werden will, wenn man den Halt verliert. Noch besser ist natürlich der gemeinsame Rückzug, eine neue Serie mit Eis auf dem Sofa schauen – nachdem man sich vorher darauf verständigt hat, den Abend über nicht von den Gefahren der Welt zu sprechen.
ZEIT ONLINE: Was mache ich, wenn ich diese Möglichkeit nicht habe – etwa in eine neue Stadt gezogen bin und kein festes soziales Umfeld habe?
Kalbitzer: Versuchen Sie, sich eine Gruppe zu suchen, zu der Sie sich zugehörig fühlen. Verbündete sind wichtig. Das kann Fridays for Future sein, eine Partei, ein Verein, die Kirche. Teil von etwas zu sein ist wichtig. Und ein gemeinsames Ziel zu haben ist gut für die psychische Widerstandskraft (Climate and Development: Bahadur et al., 2013, PDF). Auch das Digitale bietet großartige neue Möglichkeiten, mit Gleichgesinnten in Kontakt zu kommen.
Statt gestresst zu sein, kann ich mich morgens in der U-Bahn anderen Menschen gegenüber aufmerksam verhalten. Und mich so in meiner Umwelt dafür einsetzen, die Menschlichkeit zu erhalten.

ZEIT ONLINE: Den Klimawandel aufhalten, schreckliche Verbrechen wie die in Hanau verhindern oder ein Virus aufhalten, diese Ziele scheinen riesig und unmöglich zu erreichen. Wie schaffe ich es, aus dem Wunsch, zu handeln, etwas zu machen, das ich umsetzen kann?
Kalbitzer: Sie müssen klären, was Sie retten wollen. Die Menschheit zu retten, ist ein hehres Ziel, aber unrealistisch. Das kann niemand allein, auch wenn herausragende Persönlichkeiten wie Greta Thunberg, Mahatma Gandhi, Rosa Parks oder Nelson Mandela einen großen Einfluss haben und hatten. Aber auch sie haben erst einmal im Kleinen angefangen. Und darin liegt der Weg, als Einzelperson etwas zu tun. Statt gestresst zu sein, kann ich mich morgens in der U-Bahn anderen Menschen gegenüber aufmerksam verhalten. Und mich so in meiner Umwelt dafür einsetzen, die Menschlichkeit zu erhalten. Es geht darum, trotz Sorgen und realen Bedrohungen menschlich zu bleiben. Damit retten Sie im Alltag einen kleinen Teil dessen, was die Menschheit als Ganzes ausmacht.
ZEIT ONLINE: An welche Beispiele denken Sie, bei denen das nicht so war?
Kalbitzer: Beim aktuellen Ausbruch des Coronavirus war das Durchgreifen in China heftig. Das Abriegeln von riesigen Städten wie Wuhan und das Einsperren von Menschen sind effektiv im Kampf gegen ein Virus. Und China geht auch im Kampf gegen den Klimawandel restriktiver vor – und ist damit erfolgreich. Die Frage ist aber, ob wir das wollen. Ob wir Ökosysteme derart verändern wollen, die Meinungsfreiheit beschneiden oder demokratische Prinzipien so weit einschränken, bis wir in einer Ökodiktatur leben. Wenn der Anstieg der Welttemperatur verhindert wird, die Menschen aber ihre Menschenrechte und Freiheit verlieren, haben wir aus meiner Sicht nichts gewonnen. Wir brauchen eine Welt, in der wir gut leben können, aber wir müssen auch die Würde des Einzelnen bewahren. Es geht ja nicht einfach darum, die Spezies Menschen zu retten, sondern das, was uns ausmacht: Unsere Kultur und unsere Menschlichkeit.

Auch irrationale Angst kann sinnvoll sein.

ZEIT ONLINE: Deutschland ist bislang weit weniger von den Auswirkungen des Klimawandels betroffen als andere Länder. Noch hat das Coronavirus hierzulande vergleichsweise sehr wenige Menschen infiziert. Und es herrscht Frieden, anders als in anderen Teilen der Welt. Ist die Angst vieler Menschen unangemessen?
Kalbitzer: Die Angst, in Deutschland direkt von den schweren Katastrophen des Klimawandels betroffen zu sein, ist, aktuell zumindest noch, sicherlich eine irrationale. Die treffen ärmere Länder sehr viel härter. Auch der Virusausbruch betrifft uns viel weniger als andere Länder: Wir haben weniger Fälle, ein besseres Gesundheitssystem, eine effektivere und transparentere Politik und freie Medien. Auch irrationale Angst kann aber sinnvoll sein. Sie führt dazu, dass wir uns auch über Gefahren informieren, die uns persönlich gar nicht betreffen, aber uns als Teil der Bewohner dieses Planeten etwas angeht. Es ist gefährlich, wenn man nur noch die Nachrichten auf dem Smartphone liest und die Verankerung in der direkten, eigenen Lebenswelt verliert. Es kann aber andererseits dazu führen, dass wir globale Themen mitdenken.
ZEIT ONLINE: Ist die Angst der Menschen in anderen Teilen der Welt eine andere als die, die manche vielleicht gerade in Deutschland spüren?
Kalbitzer: Es gibt extreme Formen der Angst, die Menschen geradezu lähmen kann und die sieht man in wohlhabenden Regionen eher selten. In griechischen Flüchtlingslagern aber leben Kinder in völliger Hoffnungslosigkeit, manche von ihnen verfallen in einen Zustand der Apathie, sie sprechen nicht mehr, essen kaum, starren ins Leere. Wir sind Teil einer Menschheit, zu der auch sie gehören. Und es ist wichtig, ein Bewusstsein dafür zu haben, dass diese humanitären Katastrophen passieren, auch wenn wir sie nicht direkt sehen können. Im Grunde geht es darum, sich immer wieder aus der Illusion einer heilen Welt zu lösen. Wir wissen im Grunde, dass die Welt nicht sicher ist. Wir müssen lernen, das auszuhalten. Und uns immer wieder Herausforderungen stellen. Der Umgang mit der durch das Coronavirus ausgelösten Epidemie in Deutschland ist in dieser Hinsicht vielleicht auch eine Aufgabe, an der wir, wenn die erste Panik etwas abgeflaut ist, gemeinsam etwas lernen können.
Bereitgestellt: 18.06.2020     Besuche: 30 Monat 
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