Andreas Schiltknecht-von Steiger

Gedichte

Hilde Domin
Wer es könnte...

Wer es könnte
die Welt
hochwerfen
dass der Wind
hindurchfährt.


Karl Krolow
Zärtlichkeit...

Das raschelnde Laub in der Brise,
die Blütenblätter im Wind -
ich möchte hingehn, wo diese
anderen Menschen sind:

ahnungslos in der Liebe,
liebevoll, Wort um Wort,
und zueinander, als riebe
sich Wange an Wange am Ort,

den es niemals gegeben
und schon gar nicht im Paradies:
irgendwo nur und daneben,
was man mit Zärtlichkeit hiess

das Leben, wie das Empfinden
von etwas, das raschelt im Laub
in der Brise, um zu verschwinden
im wehenden Blütenstaub.




Rose Ausländer:
Anklage

Tote Freunde
klagen dich an
du hast sie überlebt

Du weinst um sie
und lachst schon wieder
mit anderen Freunden

Deine Blumen
auf ihren Gräbern
versöhnen sie nicht

Du trauerst um ihren Tod
und machst Gedichte
aufs Leben


Rose Ausländer:
Unendlich

Vergiss
Deine Grenzen

Wandre aus

Das Niemandsland
Unendlich
nimmt dich auf



Christa Busta:
Was wir brauchen

Wir sind aufeinander angewiesen,
wir brauchen alle einen, eine,
die unsere Widersprüche aufhebt
und sich keinem und keiner verweigert
einer,
der redet, auch wenn er schweigt.


Pablo Neruda
Sinkt jeder Tag...

Sinkt jeder Tag
hinab in jeder Nacht,
so gibt's einen Brunnen,
der drunten die Helligkeit hält.

Man muss an den Rand
des Brunnendunkels stehen,
entsunkenes Licht zu angeln
mit Geduld

-

Rose Ausländer:
Wachsen dürfen

Eine Insel erfinden
allfarben
wie das Licht

In seinem Schatten
willkommenheissen
die Erde

Sie bitten
uns aufzunehmen
in Gärten

wo wir wachsen dürfen
geschwisterlich
Mensch an Mensch
Andreas Schiltknecht-von Steiger,
Bereitgestellt: 26.03.2020     Besuche: 43 Monat 
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